Benediktshof Münster

Predigt von Abt Laurentius Schlieker OSB zum Gründungstag am Sonntag, 4.11.2018

Die Ansprache von Abt Laurentius Schlieker OSB, Gerleve in der Eucharistiefeier anlässlich des 32. Gründungstages des Benediktshofes am 04.11.2018 können Sie hier als PDF-Datei herunterladen.


31. Sonntag im Jahreskreis, Benediktshof, Münster

Was heißt das konkret: Gott lieben? Kann man Liebe befehlen? Liebe betrifft doch unsere innersten Gefühle, und da sind wir frei, da hat keiner etwas zu befehlen. Und noch dazu Gott lieben? Für die Bibel sind die Gebote Weisungen, und das Wort Weisung hängt mit Weisheit zusammen. Die Gebote sind verbindliche Weisheiten des Lebens und Überlebens im Namen Gottes. Wenn die Bibel von Liebe spricht, ist es nicht zuerst eine Frage von Gefühl und Freiheit. Liebe bedeutet zuerst praktische Solidarität in der Familie. Es ist so wie bei einer Wagenburg: Viele Planwagen stehen im Kreis und bilden einen Wall zum Schutz der kleinen Gemeinschaft. Die Gebote sind die Hausordnung der Wagenburg. Liebe ist der Inbegriff dessen, was die Gemeinschaft vor dem Zerfall bewahrt und was sie gegen Wölfe und Banditen schützt. Liebe ist Solidarität zum Schutz des Lebens vor dem Tod. Wer zur Liebe auffordert, weiß, dass das Leben im Miteinander vor Gefährdung zu schützen ist. Gott zu lieben bedeutet, seine Lebensregeln zu bewahren, seine Gegenwart, die leben lässt, für das Wichtigste überhaupt zu halten.

Daher bedeutet eben auch: Nur du!, Nur dich! Das ist, wie wir wissen, riskant und Quelle unzähliger Dramen. Und doch ist es wunderbar und der Spitzenpunkt unseres Menschseins. Das Nur du! gibt im Glauben Israels das Verhältnis zu Gott dem Schöpfer wieder, zum Ursprung weiser Lebensregeln, zum Befreier. Denn wer zu Gott sagt: Nur du!, zu dem sagt auch Gott: Nur du! Du bist die /der Einzige. Einzig sein: davon spricht und singt die Liebe. Gott hat erst Israel erwählt, und dann kam die Aufforderung, allein geliebt zu werden. Im Hebräischen bedeutet Lieben zunächst Erwählen.

Wir können in diesem Sinne - als Erwählte - Gott lieben. Können wir das? Diese Frage beantwortet das Evangelium mit einem Wort: Höre Israel! Beim Propheten Jeremia steht: Ich habe Dich immer und immer wieder geliebt, darum habe ich Dich zu mir gezogen aus lauter Güte. Gott sagt zu seinem Volk: nur Du. Und die Glaubenden sagen: Nur Du ohne Maß, sowie der Weltraum ohne Zahl ist.

Der hl. Benedikt hat dies verstanden, indem er seine Regel beginnen lässt mit diesem Wort: Höre! Alle Liebe, jedes gemeinsame Leben beruht auf dem Hören. Hören, zuhören, dazu gehören, gehorchen: darin ereignet sich Liebe, darin geschieht immer Beziehung: sie verbindet beide Seiten miteinander und nimmt sie auch in die Pflicht. Daraus ergibt sich eine kostbare Orientierung: Aufeinander hören ist ein Weg zu Gott! Wir sind eingeladen und befähigt, auf Gott zu hören, der auch selbst Hörender ist. Benedikt erinnert daran, dass wir nicht erhört werden, wenn wir viele Worte machen. Und sein Hören und Antworten macht er nicht einfach abhängig von unseren Worten, sondern er kommt uns zuvor: Noch bevor ihr zu mir ruft, sage ich euch: Ich bin da.

Zum Lieben gehört das Hören, aber auch das Tun. Das Tun ist der Prüfstein, ob ein Leben Bestand hat. Jesus sagt in der Bergpredigt: Wer meine Worte hört und sie tut, baut sein Haus auf Felsen.

Die beiden großen Themen unserer Liebe sind Schönheit und Leiden. Schönheit, das ist Freude, Begeisterung, Glanz, Kraft und Charme. Und Leiden, das bedeutet immer Wahrnehmen unserer Grenzen, Bitterkeit der Einsamkeit. Wir lieben jene, die uns an Charme voraus sind, und wir lieben jene, die uns in unserem Leiden nicht allein lassen. Jede Liebe ist Genießen und kostbarer Schatz, auch dann, wenn sich unsere Sehnsucht nicht erfüllt. Wir sonnen uns im Glanz des Partners, der Freundin, die wir lieben, dann haben wir an ihrem Glanz Anteil. Und wir lieben den Menschen, der Freud und Leid mit uns teilt. Und mehr noch: Gott selbst leidet mit uns — wie sollten wir ihn nicht lieben? Beides, Schönheit und Leiden, gilt auch für unsere Suche nach Gott, für Gottes Gemeinschaft mit uns. Wir werden durch Jesus Christus am ewigen Leben beteiligt. Ein Abglanz davon ist der Gottesdienst. Im Leiden und Sterben seines Sohnes begleitet er uns, damit wir durch ihn als Kinder Gottes in der Dimension der Auferstehung leben. Wie sollten wir den nicht lieben, der uns in der äußersten Not zur Seite steht, uns nicht nach dem sehnen, der ohne uns nicht sein will?

In den Niederungen unseres zuweilen mühsamen, spannungsgeladenen Miteinanders voller Missverständnisse und Überforderungen kann für die Liebe, die wir für einander empfinden, gelten, was die Dichterin Christine Busta ins Bild gebracht hat: Schlag mich wie einen Nagel in Gott, dass die Mauer nicht bröckelt, wenn du an mich deine Liebe hängst. Die Liebe bleibt im Blick auf uns selbst wunderbar, beseligend wie auch zerbrechlich.

Eine geistliche Strategie aus dem Mönchtum lautet: Lass dich in die Mitte jener Angst führen, wo du allein in deiner Nichtigkeit vor Gott stehst. Christus rettet dich vor dir selbst, damit du ihn in dir selbst und im anderen finden kannst. (Thomas Merton)

 

Benutzte Literatur: Klaus Berger, Evangelium unseres Herrn Jesus Christus, Band II.

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