Benediktshof Münster

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Predigt zu Mt 11, 25 – 30 von Doerthe Brandner, 12.07.2020

Predigt zu Mt 11, 25 – 30 mit dem Bild: Dansje in de Kerk v. Marius van Dokkum
angesehen werden kann das Bild im Internet unter
http://www.mariusvandokkum.nl/schilderijen/geloofenkerk  (das dritte Bild in der oberen Reihe)
oder Eingabe des Titels und des Künstlers

Liebe Schwestern und Brüder, ich habe hier ein Bild. Es stammt von dem zeitgenössischen niederländischen Künstler Marius van Dokkum und trägt den Titel: Dansje in de kerk – Tänzchen in der Kirche. Nehmt Euch doch einen Moment Zeit, das Bild zu betrachten. Was seht Ihr zuerst?

Das Mädchen mit den wirbelnden Zöpfen?

Den Lichtkegel, über dem es zu schweben scheint?

Den verblüfft sich aus der Kanzel beugenden Pfarrer?

Die in den Kirchenbänken zusammengedrängten – auch miteinander tuschelnden Menschen?

Und wenn Euer Blick weiterwandert – entdeckt Ihr den hinter der Orgel hervorlukenden Organisten? • Seine Musik kann es nicht sein, die das Mädchen tanzen macht. Was fällt Euch noch auf? Was weckt Eure Fragen?

Vielleicht: • Wie ist der Pfarrer eigentlich in seine Kanzel gekommen? Man kann doch weder eine Treppe noch eine Türe sehen.

Und die Gottesdienstgemeinde. Ziemlich zusammengepfercht wirken sie in nicht gerade bequem aussehenden Bänken. Und überhaupt die Bänke: Mit Türchen sind sie verschlossen zu denen Stiegen führen, die man sich kaum vorstellen kann zu erklettern – schon gar nicht mit einem Gehstock wie ihn der Besitzer desselben an die Tür der einen Bank gehängt hat.
Und dann noch einmal das kleine Mädchen.
Ist es überhaupt ein Kind?
Es ist klein und gekleidet wie ein Kind, es hat kindliche Zöpfe, doch sein Gesicht wirkt erwachsen.
• Woher kommt dieses Kind?
Es scheint gar nicht zu den anderen zu gehören – den anderen, die alle erwachsen sind, ernst schauen, eng und dunkel in den Bänken hocken. Grüne Schuhe hat es an – in genau derselben Farbe wie ihre Haarspangen – und wie die Decke des Kirchenraumes.
Und dann der rote Pullover mit dem weißen Schäfchen.
• „Weil ich Jesu Schäflein bin“ – habe ich als Kind im Kindergottesdienst gesungen. Ganz für sich – nein besser ganz BEI sich ist dieses Mädchen. Ganz und gar IN ihrem Tanz und in der Leichtigkeit ihrer Bewegung. Es tanzt – tanzt nach einer Musik, einer Melodie, einem Rhythmus, die nur es selbst zu hören scheint. Und obwohl es klein ist, scheint es den gesamten freien Raum der Kirche zu erfüllen, als ginge etwas von ihm aus – eine Helligkeit, ein Licht.

Nehmt Euch einen Augenblick Zeit, das Bild zu betrachten. Lasst Euren Blick wandern und lasst ihn verweilen.

Und dann – wenn Ihr können – schließt doch einmal die Augen und öffnet Eure Herz-augen… während Ihr hört: Predigttext Mt 11, 25 – 30
25. Zu der Zeit fing Jesus an und sprach: Ich preise dich, Vater, Herr des Himmels und der Erde, dass du dies Weisen und Klugen verborgen hast und hast es Unmündigen offenbart.
26 Ja, Vater; denn so hat es dir wohlgefallen.
27 Alles ist mir übergeben von meinem Vater, und niemand kennt den Sohn als nur der Vater; und niemand kennt den Vater als nur der Sohn und wem es der Sohn offenbaren will.
28 Kommt her zu mir, alle, die ihr mühselig und beladen seid; ich will euch erquicken.
29 Nehmt auf euch mein Joch und lernt von mir; denn ich bin sanftmütig und von Herzen demütig; so werdet ihr Ruhe finden für eure Seelen.
30 Denn mein Joch ist sanft, und meine Last ist leicht.

Es ist ein Lied, das Jesus singt: Ich preise dich, Vater, Herr des Himmels und der Erde…
Ein Loblied Ein Lied der Innigkeit und Nähe von ihm zu Gott und von Gott zu ihm – Einer Nähe, die nicht exklusiv ist, in der niemand sonst etwas zu suchen hat, sondern die öffnet und sich zeigt, die einlädt und mitnimmt – Jesus singt das Lied seines Glaubens. Er singt das Lied seines Lebens – seiner Botschaft und seiner Sendung.
Ob es dieses Lied ist, das das Mädchen hört, und das es tanzen macht – dieser Gesang des Lebens, der nicht erforscht und ergründet werden kann, der nicht gelernt und rezipiert werden kann – Der einzig gehört und verstanden wird, wenn er unmittelbar – wie mit Herzohren gehört wird – und der dann nicht in den Kopf, sondern in das Herz und in die Glieder geht, Seele und Leib erfasst und in den Tanz des Lebens führt – in das tiefe Verstehen des Lebens selber – ein Verstehen das jenseits aller Erklärungen, Deutungen, Einordnungen stattfindet.

Es gibt solche Art von Erkenntnis und Wissen, liebe Gemeinde, die Menschen einfach zufällt ohne, dass sie sie studiert und gelernt haben.
Manche nennen es Heiliges Wissen.
Ich nenne es oft Herzensweisheit.
Denn die Wahrnehmung der Welt, des Menschen neben mir mit dem Herzen – ich könnte auch sagen aus einer offenen und liebevollen Haltung heraus – ermöglicht Er-kenntnis des anderen, des Lebens, die weit über das hinausgeht, was man Universitäten studieren und in Büchern lesen kann.
Warum das so ist?
Ganz einfach: Gott erschafft den Menschen zu seinem Bild – heißt es in dem ersten Schöpfungsbericht der Bibel. Deshalb trägt jeder Mensch – wir alle – ein Wissen um Gott in uns – um Gott, der die Liebe ist. Und in und durch die Liebe, die wenn sie wirklich Liebe ist, uns Menschen ganz umfasst – Herz und Seele und Leib – bisweilen noch tiefer als den Verstand – leuchtet Gott und sein SEIN für uns auf. Gott selber ist die Liebe und uns durch seine Liebe offenbart er Geheimnisse, zu denen unser Vorderhirn, unser Verstand, die Ratio keinen Zugang haben.
Die „Unmündigen“ begreifen das leichter.
Kleinkinder, die noch gestillt werden sind im griechischen Sprachgebrauch damit gemeint, ebenso wie „Unwissende“, Menschen, die nicht-religiös oder anders religiös sind. Diesen offenbart Gott sein tiefstes, sein weitestes, alle Welt ergreifendes Geheimnis:
Das Wunder der Menschwerdung seiner Liebe.
Und diese „Unmündigen“ verstehen es, begreifen es offenbar unmittelbar. Es geht ihnen zu Herzen und sie werden ergriffen, wie dieses tanzende Mädchen.
Und deshalb, liebe Schwestern und Brüder – um diesem Geheimnis des Höchsten näher zu kommen, müssen wir hinhören – mit dem Herzen lauschen – in Kindergärten und Schulen – und bei Neugeborenen – in Altenheimen, im Schnellimbiss und in der Straßenbahn – einfach überall.
Denn Gott will entdeckt werden….
Und er lässt sich entdecken – nicht immer da, wo wir ihn zuerst vermuten, sondern da, wo unsere Herzensaugen der Liebe uns den Blick für ihn öffnen.

Und Gott geht in Jesus selbst auf die Suche – Auf die Suche nach den Mühseligen und Beladenen, nach all den Angestrengten und Belasteten. Nach jedem Menschen, wie auch immer er im Leben steht oder auch mühsam seinen Stand nur sucht.
Nach uns geht Gott selbst in Jesus auf die Suche mit offenen Armen und weitem Herzen:
Kommt!
Alle!
Kommt!
Und was Er bereithält, ist nicht der vertröstende Trost: Alles wird gut! und es ist nicht in die Beschwichtigung: Kopf hoch, es wird schon wieder werden! Keinesfalls! Erquickung hält Jesus bereit. Erquickung, die bedeutet wieder quicklebendig zu sein – neu belebt, vitalisiert und energetisiert – beflügelt.

Ein Zwischenruf: Ein Kunde hat den amerikanischen Getränkehersteller Red Bull verklagt, weil ihm nach dem Trinken des Energiedrinks keine Flügel wuchsen, wie es die Werbung für das Produkt verspricht. Es endete mit einem Vergleich. Der Kunde bekam 13 Millionen Dollar.

Niemand käme wohl auf die Idee, eine Gemeinde oder Kirche zu verklagen, weil sich in ihr die Erquickung nicht einlöst, die wir in den Kirchen in Jesu Namen ausrufen!
Wie gut, dass niemand auf diese Idee käme!
Oder doch eigentlich eher wie schade?
Warum werden wir als Menschen der Kirche nicht wenigsten unruhig wie die Menschen in den Kirchenbänken auf dem Bild von van Dokkum unruhig werden, als sie sehen: Da hat eine etwas verstanden, was sie selbst noch längst nicht begriffen haben, worauf auch weder der Pfarrer in seiner Predigt noch der Organist in seinem Orgelspiel auf die Spur gekommen sind –
Da erfährt jemand echte Erquickung – Belebung – und IST lebendig ganz und gar da.

Wo ist diese Erquickung bei uns? Die Beflügelung, die Vitalisierung, die uns von unseren angestammten Plätzen und aus unserem eingerichteten Leben holt? …. Wo ist sie?

  • Und: Haben wir sie schon einmal verspürt? Wann war das? Können wir sie noch erinnern – noch nach-erfahren, weil sie sich uns in Leib und Seele eingeprägt hat?

Sie gilt uns – die Erquickung – und ist uns doch unverfügbar. Einfordern können wir und kann sie niemand. Nur uns ihr öffnen können wir und sie begrüßen, sie beklatschen, sie besingen und ihr tanzen, wenn sie uns begegnet. – Und uns an ihre Energie anbinden. An ihre Energie anbinden, so als wechselten wir den Energieversorger. Kommt zu meiner Energie!
Sagt Jesus.
Und was geschieht ist – Er-leichterung und Ent-lastung.
Was geschieht ist Loslassen – loslassen und frei werden
• von Schuldgedanken und Schuldsprüchen
• von Besitz, der fesselt und Ansprüchen, die engen und fordern
• von Zorn, von Neid, von… Loslassen – sein lassen – frei werden – und ankommen.
Im Leben, im Sein – bei sich selbst, wie das tanzende Mädchen – und so bei Gott –
• denn wenn wir bei uns selbst ankommen, kommen wir auch bei Gott an – und wer bei Gott ankommt, sich an seine Energie anbindet, kommt zu sich selbst Und sich verlassen hinein in Gott und sein weites Jesus-Herz.

Damit – mit dieser Einladung und diesem Zuspruch endet das Lied Jesus. Und damit beginnt das Leben. Und wenn es um das Leben geht, geht es immer um das Leben für alle Welt. Nicht in die eigene Psychohygiene führt Jesu Einladungsruf zur Erquickung – in die Befreiung von ALLEN Jochs, die Menschen niederdrücken, führt er. In die Befreiung von Ungerechtigkeit und Willkür,
von Macht und Herrschaft,
von oben und unten…
Denn die eigene Erquickung – ebenso wie die eigene Befreiung und Freiheit – ist nur so gut und tragfähig, wie sie auch dem Menschen neben mir und weit weg von mir gilt. Und für diese Erkenntnis braucht es wiederum keinen Universitätsabschluss. Dazu reicht das weite Herz und liebend Tat. Eben ein Leben aus der Energie Christi und in den Spuren Jesu, des sanftmütigen und demütigen Umwälzer aller unserer selbstgemachten Welten.

Amen